Tirade (Auszug)

Aporie des Anfangs

vogelfraumaret

Ilustração: Laura Lünenbürger

Übersetzung: Christoph Roeber

Dass ich in die Röhre hineinschlüpfe, dass ich mich ins Loch fallen lasse, obwohl ich nicht weiß, wie tief es ist, denn das Loch ist schwarz wie Ebenholz oder wie die Nacht, und nichts verschafft mir die Gewissheit, dass es ein Ende hat, und noch weniger, dass es der Weg irgendwohin ist. Dass ich mich ins Rohr hineinzwänge, ohne zu wissen, wohin es führt, ein Rohr, das leicht einige tausend Kilometer lang sein kann, ist ja nichts Neues, all die Abflussrohre in den Wänden, all die Leitungen unter den Straßen und in der Erde, dass ich da hineinkrieche, liegt an meiner Situation, die das erfordert. Wenn ich die Wahl gehabt hätte, wenn alles anders gelaufen wäre, ich hätte mich davor gehütet, diesen Weg einzuschlagen, der mir, da ich sein Ende nicht absehen kann, keinen Ausweg garantiert, und es kann sein, dass er mich letztendlich in eine Sackgasse führt, und zwar genau in die, die ich verzweifelt zu vermeiden versuche. Diese Eingänge sind meine einzige Chance, aus dem Zustand herauszukommen, in dem ich zur Zeit bin. Und die Risiken sind groß, denn wer sagt mir, dass ich nicht in einer Verengung steckenbleibe oder an Sauerstoffmangel ersticke oder einen heftigen Anfall von Klaustrophobie bekomme oder einfach verhungere oder mich für immer verliere und den Rest meines Lebens damit verbringe, wie ein Wurm in einem Gewirr von Gängen herumzuirren, oder mir das Rückgrat breche, sofern der Fall auf hartem Boden endet, oder verdaut werde, sofern ich mich im Innern eines Darms befinde, oder verschlungen, warum nicht?, von einem riesigen Maulwurf. Nichts garantiert mir, dass es dort unten nicht riesige Maulwürfe und andere, noch viel unförmigere und viel grausamere Geschöpfe gibt. Niemand ist von dort je zurückgekehrt. Und nein, ich möchte auch gar nicht zurückkehren, denn wenn ich aufbreche, dann weil ich fort will von dem, was ich hier durchlebe. Eines Tages wieder am Ausgangspunkt zu stehen ist meine größte Befürchtung. Das würde ich nicht ertragen, ich würde es nicht ertragen, wenn sich meine Bestimmung darin erschöpfte, mich im Kreis zu drehen oder wie eine Katze um den heißen Brei zu schleichen, mit dem Ziel, herauszufinden, wer Recht hat, der andere oder ich, ich würde es nicht ertragen, weiterhin dieselben ausgetretenen Pfade zu gehen oder weiterhin dieselben Spuren zu hinterlassen, die meine eigenen Spuren sind, denen ich zum x-ten Mal folge, ich würde es nicht ertragen, dieselben Umwege zu machen und dieselben Finten zu schlagen, um nicht dieselben Wege zu beschreiten oder vor denselben Fehlern zu fliehen und alles von vorn beginnen zu müssen, in dem Bewusstsein, dass jeder neue Aufbruch zum gleichen Ende führt, ich würde das nicht ertragen. Am Ende meines Falls muss Wasser sein, sanftes und klares Wasser, schäumendes und sprudelndes Wasser, das meinen Aufprall dämpft, oder ein Federbett und ein zarter Duft, am Ende des Tunnels müssen Licht und Himmel sein oder Sterne, die ich vom Himmel herunterhole, am Ende wünsche ich mir ein Paar Arme, die mich aufnehmen, oder ein Gesicht, das mich anlächelt, oder dich, die mich tröstet. Ich möchte aber auch nicht zu viele Vorkehrungen treffen und meine Zeit verlieren, so kostbar die Zeit, diese Zeit, die mir vor den Augen verfliegt oder durch die Finger rinnt oder durch die Beine, diese Zeit, die vor mir herrennt, ohne dass ich sie jemals erreichen könnte | Einen schönen guten Tag, Frau Zeit! Ich bin in Eile, ich habe zu tun, und grüßen Sie Ihren Mann! Auf Wiedersehen! | und die den Sand aus dem Fenster wirft oder mir in die Augen und die mich in den Hintern pikst mit ihren Zeigern | Na los, junger Mann! Verschwenden Sie mich nicht! Sputen Sie sich! | so kostbar die Zeit, so kostbar das Leben, dieses Leben, das mir die Flügel verbrennt und den Boden unter den Füßen wegzieht, das Leben, oh das schöne Leben, das wie ein Kleid mit Karamellzuckersaum ist oder wie ein besticktes Seidentischtuch oder wie ein Vorhang aus Jutestoff, so kostbar und rau das Leben | es ist nicht jeden Tag schön auf der Erde, nicht mal im Himmel, und es kommt vor, dass die Vögel eine Fresse ziehen, denn auch sie haben ihre Schmollgesichter und zwar nicht nur die Tauben, die ja von Geburt an niedergeschlagen sind und die Nachmittage damit verbringen, sich eins überzuziehen, sondern auch die in den Bergen, die Bussarde und Bartgeier, die am kühlen und gesunden Himmel schweben und kräftig wie Steinböcke sind und länger als die anderen leben, auch sie haben von Zeit zu Zeit die Nase voll davon, vom Ast auf den Felsen und vom Felsen auf den Ast zu fliegen, und auch die gelegentlichen Melancholiker, die Stare und Spatzen, würden sich gern hin und wieder aus dem Fenster stürzen können oder an einen Strick hängen oder sich mit Médoc besaufen, und nicht selten sieht man manche von ihnen an einer Scheibe oder einem Hochgeschwindigkeitszug in die Luft fliegen, glauben Sie bloß nicht, dass sie das aus Versehen tun, nein, sie haben nächtelang darüber nachgedacht, sie haben das Für und Wider abgewogen und als die alte Eule auf ihr ewiges Klagen nichts mehr zu antworten wusste, haben sie sich zum Schweigen gebracht, nein, es ist nicht jeden Tag schön auf der Erde, nicht mal im Himmel | Ich möchte nicht zu viel Energie auf vergebliche Vorbereitungen und unnützes Aufwärmen verwenden, möchte das Leben nicht mit übertriebenen Zweifeln vergeuden, bin ich fertig?, reicht das?, hab ich auch nichts vergessen?, möchte keine Listen meiner Sachen erstellen, die ich mitnehmen will | Denk an deine Zahnbürste. Denk an deinen Anorak, man kann nie wissen, ob’s regnet. Denk an deine Brotbüchse, die ich dir mit aller Mutterliebe vorbereitet habe. Denk an deinen Personalausweis. Denk an deine Hausschuhe. Denk an deine Tabletten. Denk daran, mich anzurufen, wenn du gut angekommen bist. Denk an dein Flugticket. Pass gut auf dich auf. Sei vorsichtig. | Ich will nicht riskieren, dass ich die Chance verpasse, einen neuen Aufbruch zu wagen und Wege zu beschreiten, die ich sonst nie kennengelernt hätte, und in Richtung eines fremdartigen Ziels zu kriechen und mich für etwas abzumühen, das sich entweder als mein Niedergang oder mein Heil oder keines von beiden erweist. Gut, müsste ich nun sagen, ich bin bereit, müsste ich nun sagen, ich habe nichts vergessen, denn ich breche auf mit leeren Händen.

Aus dem Französischen von Christoph Roeber

Aporie des Anfangs ist ein Auszug aus Rengaine, das 2013 in deutscher Fassung unter dem Titel Tirade bei © diaphanes, Zürich-Berlin verlegt wurde und mit freundlicher Erlaubnis des Verlags in der Utopie erscheint.